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Hintergründe und Geschichte

Nachbarschaftshäuser sind Institutionen, die ihren Ursprung in der Zeit der Industrialisierung haben. Einer der Hintergründe war, für die hauptsächlich in Arbeitervierteln fehlenden Gemeindeplätze neue Treffpunkte zu schaffen und sozialen Gruppen, die sich im Alltag nicht mehr begegnen oder vom gesellschaftlichen Leben isoliert sind, wieder räumliche Möglichkeiten zur Begegnung und Teilnahme zu bieten. In der Zeit der Ausgrenzung sozialer Gruppen und Mitbürger nicht-deutscher Herkunft ist dieser Grund aktueller denn je.

Mit dieser Idee entstand 1983 das Nachbarschaftshaus Prinzenallee 58 als ausdrücklicher Behinderten-und-Nichtbehinderten-Treffpunkt.

Eingebettet im Genossenschaftshaus PA 58 befanden sich neben dem Nachbarschaftshaus weitere Projekte wie ein Kinderladen, Werkstätten, z. B. eine Metall-, Fahrrad- und Holzwerkstatt und im Keller waren Übungsräume für Musikgruppen.

 

Geschichte der ehemaligen Fabrik in der Prinzenallee 58

1890/91

Das alte Backsteingebäude zwischen Prinzenallee und Panke sowie das Vorderhaus Nr. 58 wurde 1890/91 von den Brüder Richard und Max Gattel erbaut. Die Familie Gattel war eine alteingessessene jüdische Berliner Familie.

1891 bis 1932

Im hinteren T eil des Gebäudekomplexes war die Hutfabrik, in der 175 Arbeiter und Arbeiterinnen in Lohn und Brot standen. In der Fabrik wurden Herrenhüte hergestellt. „Gattel-Hüte“ waren damals eine sehr bekannte Marke. Im Vorderhaus lebten die Familien Gattel. Damals gab es zur Panke hin noch mehr Hallen und am Vorderhaus hing ein Seitenflügel, in dem sich Wohnungen für die ArbeiterInnen befanden.

Späte 20er Jahre

Während der Weltwirtschaftskrise kamen auch die Gattels in finanzielle Schwierigkeiten und die Hutfabrik ging in Konkurs. Nachdem das ganze Anwesen unter Zwangsverwaltung gestellt wurde, zogen 1932 die Familien Gattel weg.

1942

Im Zuge der Arisierung wurde den Gattels später unter den Nazis der Rest des gesamten verbliebenen Besitzes weggenommen. Die beiden Familien Gattel wurden deportiert und umgebracht. Die beiden Töchter konnten rechtzeitig aus Deutschland fliehen und überlebten den Holocaust. Die Tochter von Anneliese und Max Gattel, Anni Wolff lebt heute in Israel und besucht immer noch manchmal das Haus ihrer Kindheit und Jugend.

ab 1932

Die oberen drei Etagen des 4-stöckigen Fabrikgebäudes wurden in Wohnraum umgebaut und es entstanden sogenannte „Kleinstwohnungen“ mit Heizung, Warmwasser und Innenklo. Sie blieben bis in die Mitte der 70er Jahre auch so erhalten. Im Erdgeschoß arbeitete die „Dampfwäscherei Michel“und eine geraume Zeit ein Eiergroßhandel.

1940

1940 wurde die Fabrik an die mittlerweile auch „arisierten“ Kempinski-Hotels verkauft. Sie unterhielten in Keller und Erdgeschoß einen Wäschereibetrieb.

1977 ......

Es war allgemeine Wohnungsnot und die "große Zeit" der Wohnungsspekulanten. Das Anwesen wurde verkauft und die neuen Eigentümer wollten das ehemalige Fabrikgebäude entmieten und abreissen. Leer werdende Wohnungen wurden nicht mehr vermietet und das Haus systematisch vernachlässigt. Seit 1981 wurde das Gebäude im Auftrag der Hausverwaltung von einer Wachschutzfirma überwacht. Zu diesem Zeitpunkt stand die Mehrzahl der Wohnungen bereits leer.

1981

Als Reaktion auf Leerstand, Wohnungsnot und Spekulantentum entstand in den achziger Jahren die Hausbesetzerbewegung. Mit Hilfe der verbliebenen Hausbewohnerinnen wurde die alte Backsteinfabrik 1981 von einer Gruppe von Leuten instandbesetzt.

Die PA 58 war das 100. besetzte Haus in West-Berlin.

Die Zeit danach

Die Besetzerinnen begannen sofort das Haus zu sanieren, zu renovieren, und auch umzubauen.

Das Ziel

Ziel war, die Wohnetagen zu größeren Wohnungen für gemeinschaftliches Wohnen umzubauen und im Erdgeschoss soziale und kulturelle Projekte anzusiedeln. Es sollte dort ein Kieztreffpunkt entstehen, wo die Leute sich gegenseitig helfen und austauschen können – ein Kieztreffpunkt nicht nur für die, die im Haus wohnen, sondern für die gesamte Nachbarschaft.

1983

Zu dem Zweck ist 1983 der Verein Nachbarschaftshaus Prinzenallee gegründet worden, der bis 2008 die Arbeit des Nachbarschaftshauses trug.

und heute

Inzwischen ist das „alte“Fabrikgebäude eine Wohnungsgenossenschaft, also ein „bisschen anderes“ Wohnhaus, dass neben Wohnraum für ungefähr 85 Leute auch dem Kiez eine ganze Menge zu bieten hat.

 

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